Mai 30

Wir kamen Samstagmorgen im schweinekalten Potosi an und mussten erstmal Schlaf nachholen, denn im Bus hatten wir es nur paar Stunden geschafft.

Wir merkten nicht nur an den Temperaturen, dass wir uns auf 4000m befanden, sondern insbesondere auch durch den niedrigen Sauerstoffgehalt in der Luft. Am besten zu erkennen am tiefen und schweren Atem holen, wenn man nach einer bergigen Straße oben angekommen war. Oder auch wenn man nur kurz den Atem angehielt, musste man danach schon fast nach Luft japsen ! Durch den permanenten Sauerstoffmangel waren wir auch viel müder als sonst.

Da wir an einem Wochenende angekommen waren, war die Stadt eher leergefegt – ein oftgesehenes Phänomen hier in Bolivien. Wir guckten uns das leere und ruhige Potosi an – was definitiv auch seine Reize hatte !- und am Montag buchten wir eine Tour in die umliegenden Minen.

Das besondere an diesen Minen ist, dass dies definitiv keine Museen waren, sondern, dass in ihnen immer noch gearbeitet wurde. Jede der 42 Minen wurde von einem Kooperativ von Minenarbeitern verwaltet, die die Minen besaßen und so auch selbst ausstatten mussten, wie alles aus eigener Hand bezahlen. Es gibt keine Unternehmen, welche dies übernehmen. Da der standardmäßige Monatslohn eines Minenarbeiter bei normalen Verdienst bei umgerechnet 65 Euro liegt, kann man nicht gerade davon ausgehen, dass die persönliche und die generelle Ausstattung auf einem guten Stand sind. Ganz im Gegenteil waren die Arbeits- und Sicherheitsstandards unmenschlich und leider im europäischen 19. Jahrhundert anzusiedeln- wenn überhaupt.

Die Minenarbeiter arbeiten entweder in Gruppen oder für sich in den weit verzweigten Stollen der Minen. Da jeder Arbeiter nur so viel verdient, wie die Menge, die er letztendlich an Mineralien, wie z.B. Silber, Zink oder Kupfer aus dem Berg holt und deren aktuellen Preise aus dem Weltmarkt, arbeiten diese in dementsprechend langen Schichten und manchmal sogar die Nächte durch.

Das Arbeitsklima reichte vom Gefrierpunkt auf einer Höhe von 4200m bis hin zu 40° Celsius im Inneren des Cerro Ricos. Schutzkleidung wurde nur in Form von einem Helm und Handschuhen getragen. Atemschutzgeräte, Gasmasken, Protektoren oder Schutzbrillen gab es im ganzen Minenareal nicht. Die Arbeiter sind den giftigen Gasen, dem Staub, der nur zu oft giftige Stoffe, wie Asbest oder Silicia enthält, oder herabfallenden Felsbrocken schutzlos ausgesetzt.

Sehr viele Arbeiter sterben hier durch Einstürze ihrer Stollen. Wenn die Minenarbeiter jedoch ihre Arbeitszeit überleben, stehen die meisten mit Atemwegserkrankungen wie Krebs oder einem zu ¾ vermindertes Lungenvolumen da. Dies ist in der Regel nach 25 Jahren der Fall für die, die sich dann zur Ruhe setzen können und eine lausige Rente von 15$ per Monat bekommen.

So ist es nicht verwunderlich, dass viele Arbeiter weiterarbeiten, bis sie körperlich nicht mehr können. Im Todesfall bekommt die Familie die Rente.

Um ihren Arbeitstag erträglicher zu machen, kauen die Bergleute raue Mengen an Koka, welches gegen Ermüdung, Kälte und Hunger hilft und trinken den unter den Bergleuten typischen 96% Zuckerrohrschnaps pur und nach ihrer Schicht mit Wasser verdünnt.

Vor jedem Einfahren (im Bergleuteslang für das Betreten der Mine) in die Mine opfern die Männer kleine Mengen an Alkohol, Koka und Tabak der Patschamama (Muttererde) und dem Teufel, von dem die Arbeiter glauben, er besäße die Mineralien im Inneren des Cerro Ricos. Dies waren die zwei Götter für die Arbeiter. Weiter glauben die Begleute, dass die Anwesenheit ihrer Frauen unter Tage sie in die Missgunst Patchamamas brachten, da diese durch die Arbeiterfrauen eifersüchtig werden würde.

Wir waren die Einzigen mit dem Guide, was viele Vorteile hatte. So fuhren wir drei also mit den kleinen öffentlichen Bussen durch die engen Gassen in Richtung Minen. Auf dem Weg machten wir dann halt, um uns in Arbeiterkluft zu schmeißen. Die Bekleidung bestand aus Überjacke und -hose, sowie Gummistiefeln, Helmen und batteriebetriebenen Kopflampen mit einer Laufzeit von 28 Std.. Nachdem wir umgezogen waren ging es zu den kleinen Läden, die alles anboten, was die Arbeiter brauchten. Hier konnte man Materialien für den Bergbau kaufen, Koka, Alkohol, Stiefel, Handschuhe und Helme und Dynamit. Hier erklärte uns der Guide, dass die Preise für Mineralien sich täglich änderten und dass der Preis ( 38$ für eine Unze Silber ) momentan gar nicht so schlecht war. Wir lernten, dass das argentinische Dynamit besser ist als das bolivianische und auch das aus Peru. Uns wurde gezeigt, wie man Detonator und Lunte befestigen musste und dass 1m Lunte einem nach dem Anzünden 3min Zeit gab, um sich in Sicherheit zu bringen. Wir kauften für umgerechnet 4€ zwei komplette Sets Dynamit, Explosionsverstärker in Form von in Diesel getränkten Kügelchen, 4 Liter Getränke und einen großen Beutel Koka als Geschenk für die Bergleute. Dann ging es weiter bergauf gen Mineneingänge und nachdem wir bei unserer Mine namens „La Negra“ (die Schwarze) ankamen, ging es auch recht schnell hinein. Jedoch nicht ohne vorher noch eine Ladung Koka in den Mund zu bekommen.

Die Stollen waren nicht größer als nötig und selbst der Hauptstollen war teilweise so niedrig, dass wir fast krabbeln mussten. Wir folgten ungefähr 500m den Schienen der Trolleys und trafen unterwegs nur einen Miner, der gerade damit beschäftigt war die Stützkonstruktion als Holz auszubessern, denn einige der verbauten Stämme waren gebrochen.

Nachdem wir den Hauptstollen verlassen hatten, wurde es schlagartig wärmer und als wir durch einen sehr engen Nebenstollen gekrochen waren, um einen Miner namens Pancho zu besuchen, war es schon 28° Celsius warm. Zusammen mit Pancho kauerten wir uns in ein winziges Kämmerchen, welches sein Arbeitsplatz war. Unser Guide diente uns als Übersetzer, was ganz gut bei unseren mangelnden Spanischkenntnissen war. Pancho war einer der wenigen Miner, der anstatt auf Quantität zu setzen mehr von Qualität hält. Er arbeitet alleine dort im Berg und erfuhren zudem, dass er wie viele andere mit 15 Jahren angefangen hatte. Hier ist kein Schulabschluss nötig, denn für eine 3-jährige Ausbildung bei einem erfahrenen Miner, waren keine Aufnahmekriterien vorzulegen. Pancho ist 53 Jahre alt und hat somit den Durchschnitt der Miner überlebt, welches allerdings zu Lasten seiner Gesundheit ging und er würde bald nicht mehr hier arbeiten können. Wir überließen ihm unsere Dynamitsets und setzten unseren Weg fort und besuchten eine kleine Gruppe von Arbeitern, die im gleichen Stollen arbeiteten und gerade nach einer Sprengung freigesetzter Material aus dem Stollen brachten. Ich durfte auch mal eine Schubkarre füllen und im Laufschritt den engen Gang hinaus befördern. Durch die hohe Temperatur und dem Mangel an Sauerstoff war dies alles andere als normale Arbeit und schon nach einer Fuhre musste ich eine Pause einlegen – bei der gleichen Arbeit, die die Miner 8 Std. oder mehr am Tag erledigten. Nach diesem Besuch traten wir den Rücktritt an die Oberfläche an. Der Aufenthalt in der Mine beschreibt sich nicht so lang, jedoch waren wir 2 ½ Std. unter Tage gewesen und waren mehr als froh wieder auf dem kalten hellen Berg zu stehen. Anna hatte die Tour ohne Probleme überstanden, doch auf Grund meiner Körpergröße hatte ich Schmerzen in Oberschenkeln und Nacken und war froh mich wieder aufrichten zu können.